• Franziska Roth

Solidarität – quo vadis?


Ein Nationalrat forderte jüngst einen Sticker für Ungeimpfte. Ein anderes Polit-Urgestein verlangt, dass Krankenkassen bei einer Corona-Erkrankung von Ungeimpften nicht zahlen müssen. Und erst kürzlich meinte eine SVP-Regierungsrätin wörtlich: «Wer Impfgegner ist, der müsste eigentlich eine Patientenverfügung ausfüllen, worin er bestätigt, dass er im Fall einer Covid-Erkrankung keine Spital- und Intensivbehandlung will. Das wäre echte Eigenverantwortung.»


Solche Aussagen sind nicht nur hilflos, sondern auch unethisch und, von Nationalrats- und Regierungsmitgliedern geäussert, absolut inakzeptabel. Sie dienen der Empörung der Gegenseite. Vergessen geht dabei, dass die grosse Mehrheit der Menschen sich krisenkonform verhält und ernsthaft mithilft, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Provokationen (auf beiden Seiten) führen dazu, dass wir nicht im von uns allen gewünschten Tempo vorankommen. Und vor allem dazu, dass sich die Anzahl psychisch ernsthaft kranker Menschen massiv erhöht.


Die Provokateure frage ich: Soll ich all meine Empathie für die Menschen mit Angststörungen oder die Autist:innen, die nicht impfen können oder wollen, oder die Pflegefachfrau auf der IPS die jahrzehntelang Menschen rettet/e und nicht geimpft ist, oder eine Bekannte, die seit über 30 Jahren in einem Behindertenheim arbeitet, ununterbrochen Menschen mit liebevoller Empathie betreut, nun abgeben?


Eine echte Demokratie muss auch in der Krise die offene Gesellschaft aushalten können. Mit Hass und Wut auf Menschen kamen wir noch NIE ans Ziel.


Wer in der Schweiz will, dass sich in einer Pandemie alle obligatorisch impfen müssen, soll hinstehen und dies verlangen. Wer will, dass Impfgegner eine Patientenverfügung unterschreiben, soll eine Änderung des Krankenversicherungsgesetzes fordern. Wie viele gesunde Menschen bezahlen seit Jahren mit ihren Krankenkassenprämien solidarisch an diejenigen, die von Krankheiten betroffen sind? Das betont in meinen Augen auch die Stärke des Landes, die sich am Wohle der Schwachen misst.


Im Kampf gegen Diskriminierung habe ich für mich gelernt, dass Mensch Mensch ist.


In der jetzigen Krisen-Situation gilt es einen kühlen Kopf zu bewahren und klar zu kommunizieren, anstatt Gräben aufzutun, Ängste zu schüren und via Hintertür eine Zweiklassen-Solidarität zu installieren. Politiker:innen stehen in der Pflicht alle Menschen mitzunehmen, zu überzeugen, dass Corona nicht ungefährlich ist, kein Hirngespinst von Bill Gates und auch keine Bestrafung, sondern wir mit der notwendigen Sorgfalt und mit impfen, testen und Schutzmassnahmen mit dem Virus lernen werden und leben müssen.


Für mich ist klar, wohin die Reise gehen soll: keine Zweiklassensolidarität durch die Hintertür, keine Gräben auftun, keine Ängste schüren, keinen Hass säen und keine Ausgrenzung von Andersdenkenden, sondern klare Kommunikation, Solidarität für alle und keine Aushebelung der Demokratie. Dazu gehören Gratistests, das gleichwertige Anerkennen von Genesenen und ebenso das Respektieren, dass es immer Menschen geben wird, die medizinisch begründet sich nicht impfen lassen.