• Franziska Roth

Menschen auf der Suche nach Menschlichkeit.

Nach zahlreichen Jahren als Heilpädagogin war es für mich eine Ehre, Anfang November an der Abschlussfeier 2022 der Heilpädagog*Innen zu den Diplomandinnen und Diplomanden zu sprechen.

Ein paar Auszüge aus meiner Rede möchte ich nachfolgend festhalten.


Es war Dienstag und ich fuhr gerade mit dem Velo beim Schulhaus vor. Da rennt Yasmin aus dem Schulhaus die paar Stufen herunter auf mich zu und ruft: «Ich bin so froh, dass sie kommen Frau Roth, sie sind die Einzige im Schulhaus die mir glaubt, dass ich nicht nachkomme bei all diesen Rechenaufgaben.»


Der Alltag einer Heilpädagogin und eines Heilpädagogen ist ein Fundus an Anekdoten. Kein Tag vergeht, ohne dass es zu lachen, zu staunen aber auch zu vermeiden und zu trösten gibt. Unser Alltag ist geprägt von Bauchgefühl, von der Eingebung, vom Instinkt und somit vom sprichwörtlichen Herz auf der Zunge zu tragen.


Lebensbejahendes Erziehen hält meine Geister wach und lässt mein Herz offen.


Es gilt, neben Wissen über Rechnen, Lesen und Schreiben auch demokratisches Bewusstsein sowie moralische Werte zu vermitteln, egal wie stark die Beeinträchtigung, wie gross der Aufwand für Kommunikation ist und wie klein der IQ diagnostiziert wurde. Unsere Aufgabe ist es, an den Menschen vor uns zu glauben.

Erziehen, Bilden und Begleiten ist nichts für Feiglinge und Angsthasen. Erziehen heisst, an die Fähigkeit jedes einzelnen Kindes zu glauben. Erziehen lebt von der Kraft des optimistischen Lebensgefühls, von der zuversichtlich starken Persönlichkeit. In der Arbeit mit und für Kinder ist die Zuversicht auf die Verjüngung der Welt unerlässlich.


Schlüsselbegriff ist die Menschlichkeit.


Menschlichkeit wird nicht in die Wiege gelegt. Menschlichkeit erlangt man erst durch die Chance, das Verhalten anderer Menschen direkt und mit allen Sinnen zu erleben und nachzuahmen. Wir müssen unsere Kinder als eigenständige und freie Individuen ausbilden, denn sie tragen Mitverantwortung für diese Welt.


Was sind wir Heilpädagogen und Heilpädagoginnen eigentlich?


Als wir die Integration in der Sekundarstufe einführten meinte mein Kollege und Klassenlehrer zu den Kindern: «Also, das ist die Heilpädagogin, die uns begleitet. Wisst ihr, was ihre Aufgabe ist?» Da meinte Sarah voller ernst: «Ja, sie heilt die Pädagogen.»


Ja, was sind wir, wir Heilpädagoginnen und Heilpädagogen? Sind wir nicht richtige Lehrerinnen und Lehrer?

Unsere Aufgabe ist es, dass jedes Kind, egal welche Diagnose es mit sich bringt, egal ob im Vorschulalter oder in der Sekundarstufe, seinen Fähigkeiten entsprechend teilhaben kann und möglichst von innen her motiviert auch teilhaben will.

Landauf landab erwartet man von Bildungsangeboten und somit von euch Höchstleistungen: als notwendiges Korrektiv aller gesellschaftlichen und kulturellen Mängel, als unverzichtbare Stütze für die funktionierende Wirtschaft. Gleichzeitig schätzt man die Rolle der gut und gezielt ausgebildeten Fachleute immer noch zu gering.

In der Erziehung und Bildung dürfen wir uns nicht mit dem Spatzen in der Hand begnügen, wir müssen auch die Taube auf dem Dach auf unsere Schulter holen. Von selbst kommt die Taube nicht. Sie wartet auf substanzielle Investitionen in die Ausbildung von Erzieherinnen und Erzieher, auf überzeugende Infrastrukturen. Und auf ein gesellschaftliches Bekenntnis zum hohen Wert der Betreuung und Bildung.

Die Vernetzung von Praxis und Wissenschaft ist fundamental. In der Praxis interessiere ich mich immer lebhaft für die Balance zwischen Fachkompetenz und persönlicher Inspiration. Dass wir uns an wissenschaftlich überprüften und pädagogisch bewährten Standards orientieren, muss nicht nur selbstverständlich sein, es erleichtert auch den Alltag. Dass in diesem gesicherten Rahmen unsere höchst persönliche Neugier und Zuwendung und Ermutigung erst Geist und Leben in unseren Beruf bringen, das sollten wir uns nie ausreden lassen. Was uns nur gelingt, wenn wir – zusammen und individuell – uns immer wieder in die naive Lage bringen: hellwach, hellhörig, leidenschaftlich und herzlich interessiert am Leben des Kindes.


Bilden und Erziehen ist nicht nur systemrelevant, Bilden und Erziehen spielt eine derart bedeutende volkswirtschaftliche oder infrastrukturelle Rolle in unserem Staat, dass sie to big to fail ist.


Ihr seid jetzt anerkannte und ausgezeichnete Fachleute. Ihr habt ab jetzt das offizielle Rüstzeug, uns Politikerinnen und Politikern das Leben so richtig schwer zu machen. Jede Person im Bundeshaus, die nicht ausgebildete Fachkraft ist, hat zu Fragen rund um Bildung lediglich eine Idee von etwas im Kopf, eine Ahnung, aber kein Wissen.

Packt ohne Angst und mit einer grossen Portion Bauchgefühl und vor allem mit viel Humor den Dialog mit allen anderen an, denn sie sind was Heilpädagoginnen und Heilpädagogen Kinder und Eltern, Behörden und Professoren auch sind:


Einfach Menschen auf der Suche nach Menschlichkeit.