30 Jahre Lilith – Fragen, Menschlichkeit und ein ethischer Kompass

Seit 30 Jahren begleitet und unterstützt Lilith Frauen und Kinder in schwierigen Lebenssituationen. Ein Jubiläum, das Anlass gibt, zurückzublicken – und vor allem Fragen zu stellen: Was braucht es, damit Menschen Halt finden? Welche Verantwortung tragen Fachpersonen, Gesellschaft und Politik? Und was haben ein geklontes Schaf, eine Computermaus und ein Tamagotchi mit Lilith zu tun?
Anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums durfte ich ein Grusswort halten. Meine Rede verbindet das Gründungsjahr 1996 mit der Arbeit von Lilith heute – und mit einem Plädoyer für Menschlichkeit, Fachlichkeit und die Kraft, die richtigen Fragen zu stellen.

Liebe Menschen
Kennt ihr Dolly, IntelliMouse oder Tamagotchi? Nicht? Dann kennt ihr vielleicht GlG, OKP?
Vielleicht denkt ihr: Ach ja, es ist so eine Berufskrankheit von Lehrerinnen und Heilpädagoginnen, dass sie immer Fragen stellen. Nun, das mag stimmen. Aber ich finde, dass das Fragenstellen wichtiger ist, als Antworten zu kennen. Fragen richten den Blick nach innen. Fragen verbinden Menschen und öffnen neue Wege. Fragen schaffen Klarheit gegen Leid und Fragen sind der Grundstein für Entwicklung und das Weiterkommen. Fragen sind etwas vom Menschlichsten.
Die Frage, wie man schwere Lasten leichter bewegen kann, führte zu der bahnbrechenden Technik des Rades.Der Wunsch und die Frage, ob der Mensch wie ein Vogel fliegen kann, machten den Traum der Luftfahrt wahr.Die Frage, wie man Telefon, Computer und Kamera in einer Tasche vereinen kann, schuf moderne Handys.
Liebe Lilith-Menschen, ihr seid die Fragespezialisten sondergleichen.
Du willst, dass dein Leben gelingt? Ist deine Gegenwart gerade sehr schwierig, doch du hast die Motivation, Stabilität zu erlangen und deine Lebensqualität zu verbessern? Mit diesen zwei Fragen begrüsst Lilith Menschen auf der Homepage. Menschlich, die Hand ausstreckend, anregend und interessiert am Leben des lesenden Menschen, des suchenden Menschen. Diese zwei Fragen sind der Grundstein für die persönliche Revolution.
Eine gute Frage macht ein grosses Problem kleiner. Eine echte Frage ist ein starkes Werkzeug, um Krisen zu bewältigen, um Mut zu finden. Fragen ist wie Wissen, nur krasser. Jede grosse Idee beginnt mit einem einfachen Warum, Wie oder Womit?
Nochmals: Kennt ihr Dolly, IntelliMouse oder Tamagotchi? Nicht? Dann kennt ihr vielleicht GlG, OKP? Bei Geburtstagen liebe ich es ja zu recherchieren und zu schauen: Was war denn da los, im Geburtsjahr von Lilith?
Nun, weltweit war es verblüffend. Am schottischen Roslin-Institut gelingt es Forschern um Ian Wilmut 1996, das Schaf Dolly aus einer einzigen Körperzelle eines erwachsenen Tieres zu klonen – ein biologischer Durchbruch, den die Welt nicht kommen sah.
Microsoft stellte 1996 die erste Computermaus mit mechanischem Mausball und dem berühmten mittleren Scrollrad, einem optischen Sensor und zusätzlichen Knöpfen auf der Seite des Gehäuses vor, was das Navigieren auf dem Bildschirm stark vereinfachte ...
Das Tamagotchi wurde 1996 entwickelt. Tamagotchis stellen eine Rasse von Ausserirdischen vom weit entfernten Planeten Tama dar, der angeblich «Millionen Meilen» von der Erde entfernt ist und um die man sich vom Zeitpunkt des Schlüpfens an kümmern muss.
Es ist also in dem Jahr, in dem wunderbare Frauen wie Lis Misteli Lilith gründen. Das passt perfekt zur IntelliMouse. Dank Lilith wird vielen Frauen und Kindern das Leben lebenswert gemacht. Lilith ist das Rädchen, das die schwere Last tragen hilft, und die Mitarbeitenden sind die Sensoren und zusätzlichen Hilfen, die das Navigieren auf dem Lebensplan vereinfachen.
Wie ist es mit dem Tamagotchi? Es hat Bedürfnisse wie schlafen, essen, trinken, Zuneigung und entwickelt auch eine eigene Persönlichkeit. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten meldet sich das Tamagotchi und verlangt nach der Zuwendung des Besitzers. Bei Vernachlässigung stirbt es.
Lilith ist der Reset-Schalter oder die nötige Tastenkombination, die von Frauen gedrückt werden dürfen und mit denen sie ihren Kindern und sich einen Neustart verschaffen können.
Und dann haben wir das GlG und die OKP. Unglaublich, aber wahr: Das Gleichstellungsgesetz von Frau und Mann, das jede direkte oder indirekte Diskriminierung aufgrund des Geschlechts – etwa bei Anstellungen, Lohn, Beförderungen oder Entlassungen – verbietet. Dann die obligatorische Krankenpflegeversicherung, die dafür sorgt, dass alle, die in der Schweiz wohnen oder arbeiten, gleiche Leistungen bei allen zugelassenen Krankenkassen haben und Behandlungen bei Krankheit, Unfall und Mutterschaft abgedeckt sind. All das ist 1996, im Gründungsjahr von Lilith, eingeführt worden.
Sie sind zentral für eine starke Arbeit in der Lilith. Klar, das GlG ist da, die Gleichstellung noch nicht. Da bleiben wir dran. Da kämpfen wir. Und da brauche ich auch euch. Ihr habt aber das offizielle Rüstzeug, uns Politikerinnen und Politikern das Leben so richtig schwer zu machen. Noch ist es zu oft in den sozialen Branchen umgekehrt. Wir in Bundesbern piesacken euch. Sprechen Gelder nicht, verschieben die Verantwortung an andere. Haben keine bis wenig Fachkenntnis. Hier nehme ich euch in die Mitverantwortung. Ihr alle kennt Frauen und Männer im Parlament. Egal ob beim Bund, Kanton oder in der Gemeinde. Mischt euch ein. Ihr seid anerkannte und ausgezeichnete Fachleute. Fachleute für Menschlichkeit.
Halt erfahren, um Halt geben zu können. Ein wunderbares Versprechen, das betroffene Frauen bei Lilith einlösen können. Eure Richtschnur ist die Menschlichkeit. Euer Verständnis von persönlicher Entwicklung basiert auf dem Vertrauen in das Gegenüber und auf der konsequenten Umsetzung eurer Arbeit.
Das heisst, menschlich führen, fachkompetent handeln und vor allem das seelische und körperliche Wohl der Kinder, Mütter und Frauen über alles zu stellen.
Liebe Menschen, nun zum Schluss eine Frage: Habt ihr bemerkt, welches Ereignis aus 1996 ich noch nicht in Verbindung mit Lilith gebracht habe? Dolly. Dolly, das geklonte Schaf. Dolly war ein Durchbruch in der Wissenschaft. 30 Jahre nach Dolly ist Klonen in Forschung und Wirtschaft angekommen. Doch wie ist es mit der Ethik? Wie ist es mit der Moral? Kommt, wie Bertolt Brecht sagt, zuerst das Fressen, dann die Moral? Wenn Säugetiere geklont werden können, was bedeutet das für den Menschen? Eine weltweite Debatte über die Grenzen der Gentechnik und Ethik beginnt 1996.
Auch jede menschliche Beziehung hat Grenzen. 30 Jahre nach dem Start ist Lilith als Zentrum für Frauen und Kinder angekommen. Doch wo liegen die Grenzen einer professionellen therapeutischen Beziehung? Ein ethischer Kompass zwingt Lilith wie auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer wieder, die Fragen auf den Tisch zu legen: Wie habt ihr es mit der Autonomie? Haben Patientinnen und Patienten das Recht, eine Behandlung abzulehnen oder zu beenden, selbst wenn dies gesundheitsschädlich ist? Wie habt ihr es mit der Schweigepflicht und dem Machtgefälle? Soll ich meine persönlichen Werte im Berufsalltag aussen vor lassen oder sie umgekehrt gerade einbringen? Wie viel Verantwortung tragen wir als Mitarbeitende? Für wen und gegenüber wem?
Ich bringe euch heute nicht nur ein Grusswort, ich bringe euch auch mein Versprechen, als Politikerin weiter dranzubleiben, damit eure Fragen eine ethische Antwort von der Politik bekommen. Ich werde über eure Arbeit berichten, in der Hoffnung, dass euer Wissen ethische Handlungen in den Räten schafft.
Ich werde in Bundesbern, im Kanton immer und immer wieder sagen:
Liebe Ratskolleginnen und Ratskollegen: Egal, wie ihr euch eine starke, menschliche und nachhaltige Unterstützung von Frauen und Kindern in schweren Situationen denkt: In der Lilith findet sie statt.
Liebe Menschen. Ich danke für eure Menschlichkeit, eure Ethik, eure enorm wichtige Arbeit und gratuliere von Herzen zum 30-jährigen Jubiläum.



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